Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere…
Ich saß gerade mit meiner Mutter am Küchentisch und wir erzählten uns den neuesten Tratsch, den ich beim Friseur aufgeschnappt hatte. Wir waren bester Laune und alberten herum, als es an der Tür klingelte. Meine Mutter ging nachsehen. Ich nahm mir in der Zwischenzeit einen frischen Kaffee und machte es mir wieder auf der Küchenbank bequem.
„War der Briefträger. Ein Paket.“
„Oh, von wem denn?“, fragte ich neugierig.
„Ich weiß nicht … kein Absender drauf. Die Briefmarken sind aus Russland.“
Sie stellte das Paket auf die Arbeitsplatte und nahm die große Schere aus der zweiten Schublade. Vorsichtig löste sie damit den Knoten aus der Kordel und wickelte sie dann sorgfältig zu einem kleinen Knäuel. Ich musste lächeln. Nie hätte sie etwas weggeworfen, was man noch benutzen konnte. Mutti machte sich behutsam mit der Schere an den Klebestreifen zu schaffen, um das Papier nicht zu beschädigen. Das faltete sie dann peinlichst genau zusammen und legte es mit der Kordel in eine Schublade. Erst nachdem das erledigt war, öffnete sie das Paket.
Eine kleine Schmuckschachtel und ein Brief lagen darin.
Ihr Gesicht wurde weiß, als sie die kleine Schachtel öffnete. Ich dachte, sie würde jeden Moment ohnmächtig.
„Mutti, ist irgendwas?“ Ich griff nach ihrer Hand.
Sie konnte nichts sagen, schüttelte nur ganz langsam ihren Kopf. Ihr Atem ging flach. Endlich brachte sie ein leises „Nichts. Ist schon gut.“ über die Lippen. Sie stand auf und ging nach oben in ihr Zimmer. Ich wagte es nicht in die kleine Schachtel zu sehen, obwohl ich vor Neugier ganz kribbelig wurde.
Als sie nach ein paar Minuten zurück kam, hatte sie die Brosche in der Hand. Die hatte sie seit ich denken konnte. Ein altes Fünfmarkstück. Auf einer Seite glatt poliert und von Hand eine Blume eingraviert. Auf der anderen Seite war eine Sicherheitsnadel angelötet.
„Ich habe dir nie erzählt, woher ich diese Brosche habe“, sagte sie fast flüsternd. „Die stammt noch aus dem Zweiten Weltkrieg, als ich im Stahlwerk gearbeitet habe.“
Meine Mutter goss sich ein Glas Wasser ein, trank einen kleinen Schluck und erzählte dann weiter.
„Für die gefährliche Arbeit haben sie Kriegsgefangene genommen. Russen. Am Schmelzofen. Zu Essen haben sie so gut wie nichts bekommen. Grade so viel, dass sie nicht vor Entkräftung gestorben sind.“ Sie seufzte leise und streichelte über die Brosche. „Ich habe Butterbrote und Zigarettenstummel in die Fabrik geschmuggelt und hab sie den Russen gegeben. Ich konnte doch nicht einfach so zusehen.“
Ich stand auf und küsste meine Mutter auf die Stirn.
„Eines Tages schenkte mir einer der Russen, ein Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt, diese selbst gemachte Brosche.“ Langsam kam Farbe in ihr Gesicht zurück und sie lächelte.
Sie nahm den Deckel von der Schmuckschachtel und zeigte sie mir. In ihr befand sich eine silberne Drei-Rubel-Münze. An einer Seite glatt poliert. Eine Blume war von Hand eingraviert. Auf der Rückseite war eine silberne Broschennadel angebracht.
Als sie den Brief las, traten Tränen in ihre Augen.
Meine liebste Wohltäterin,
lange habe ich nach Ihnen gesucht. Jetzt endlich kann ich Ihnen meinen Dank aussprechen. Meinen Dank für ein erfülltes und glückliches Leben. Ein Leben voller Wunder und Liebe.
Manchmal sind es kleine Taten, die große Dinge bewegen.
In unendlicher Dankbarkeit
Gregor M. Koslow
© 2009, Lars Mielke






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